am 16./17. April 2005 in Erfurt
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Runde 40 Jahre liegen zwischen diesen beiden Bildern: Reinhard "Ferdl" Karger als Jungspund in der Mannschaft des SC Turbine Erfurt (links) um 1965 und als Oldie bei den "Turbine-Haudegen" 2005. Dazwischen liegt auch eine Berg- und Talbahn ostdeutscher Eishockey-Geschichte.

Der nachfolgende Text zu diesem Thema ist 1996 in der "Thüringer Allgemeinen" erschienen (entsprechend sind auch die Zeit- und Altersangaben einzuordnen).

Vier Kapitel ostdeutscher Puck-Geschichte
Ex-Nationalspieler Reinhard Karger hat sie mitgeschrieben

Von Matthias Opatz


Ein Verrückter. Von früh bis spät nur eine kleine schwarze Gummischeibe im Kopf, ist er kaum zuhause. Aber Riccarda Karger wusste, als sie vor 31 Jahren ihren Reinhard heiratete, dass sie zugleich einen Puck mit heiratete. Und wer sie bei Heimspielen (von denen sie keines versäumt) an der Bande auf- und abspringen sieht, weiß: Die ist doch selber puckverrückt.

Am Sonnabend ist Reinhard Karger, den alle „Ferdl“ nennen, in Erfurt der Star des Tages. An die 1200 Zuschauer (mehr gehen beim besten Willen in die viel zu kleine Eissporthalle nicht hinein) werden dem 61fachen DDR-Auswahlspieler einen rauschenden Abschied bereiten. Bis zuletzt war der Kapitän des Regionalligisten ESC Erfurt einer der beliebtesten Spieler, Vorbild an Kampfgeist und Einsatzbereitschaft. Und das mit 51 Jahren.

Fast vier Jahrzehnte war „Ferdl“ Eishockeystürmer, immer linksaußen (nur bei seinen berühmten „Altdeutschen“ kam er oft mit der Kelle um den rechten Pfosten geschlichen). Und in dieser Zeit hat er ostdeutsche Eishockeygeschichte mitgeschrieben. Die Kapitel heißen Euphorie, Kompromiss, Überlebenskampf und nochmals Euphorie.

Kapitel eins: Euphorie, die erste 

Als nach dem Krieg auch im Osten auch der Sport wieder auferstand, war alles erlaubt, was Spaß machte und begeisterte, selbst Profiboxen. Ferdinand Karger, Umsiedler aus Schlesien und gelernter Eis- und Rasenhockeytorwart, setzte seine Karriere in seiner neuen Heimat Erfurt fort. Auf Spritzeis spielte er für Erfurt und Oberhof, bevor 1958 auch in Erfurt goldene Eiszeiten anbrechen sollten - das Kunsteisstadion war fertig. Die Arbeiter- und Bauernmacht tat was für ihre Bürger, aber schon damals nicht ohne Hintergedanken: "In Städten mit Kunsteisbahnen sind leistungsstarke Klubmannschaften aufzubauen. Unsere besten Klubmannschaften sollen das Niveau der besten Klubmannschaften der stärksten europäischen Eishockeyländer erreichen. Aus den besten Kräften dieser Klubmannschaften ist eine starke Nationalmannschaft zu formieren, die das Niveau der besten ausländischen Eishockeynationamannschaften erreicht." (*)  Doch Ferdinand Kargers Sohn Reinhard dachte nicht an Diplomatie im Trainingsanzug, als er auf der neuen Bahn seinen Aufstieg begann. Er wollte Eishockey spielen.

Er war ein Talent, spielte sich schon mit 17 in die Erste einer solchen Klubmannschaft, die in Erfurt SC Turbine hieß, wurde auch bald in die zu stärkende Nationalmannschaft (Junioren, Nachwuchs, dann A-Auswahl) berufen. Und die wiederum fing gerade an, den besten ausländischen Eishockeynationalmannschaften Paroli zu bieten. 69/70 gab es Siege über Kanada (4:3 in Weißwasser), Schweden (5:3 beim Iswestja-Turnier) und Finnland (4:3 bei der A-WM). Platz fünf zur Weltmeisterschaft in Stockholm war Kargers erster großer Triumph.

 Kapitel zwei: Kompromiss 

Die nächsten Triumphe sollten kleinere sein, zuvor folgte ein Niederschlag. Als „Ferdl“ (den Spitznamen hat er vom Vater geerbt) im Herbst mit Auswahlkollegen in Crimmitschau trainierte, traf die Nachricht ein: Berlin hat es sich anders überlegt mit den Klubmannschaften und der Nationalmannschaft. Einerseits dauerte es den Sportdirigenten bei DTSB und ZK zu lange, bis die DDR Eishockey-Weltmächte nicht nur gelegentlich bezwingt, und andererseits: Hier gibt es, wenn überhaupt, nur eine Medaille mit viel Personal. Eisschnelläufer bringen viele Medaillen mit weniger Personal. Geben wir die Diplomaten-Trainingsanzüge lieber denen. Das hieß: Alle Zentren, außer Puck-Fan Mielkes Dynamo-Miniliga, wurden dichtgemacht. Für Karger stand die Frage: In Erfurt ohne Perspektive Amateur-Eishockey spielen oder weiter Leistungssport betreiben, aber in Weißwasser. Er ging in die Lausitz, holte vier DDR-Meistertitel und erlebte 1974 noch einmal eine A-WM. Ein Punkte fehlte damals am Klassenerhalt - ein Punkt, den die ostdeutschen Puckjäger auch gar nicht holen sollten. Der Aufstieg ein Jahr zuvor war manchem Eishockeyhasser (aus sportpolitischer Einsicht natürlich) peinlich genug.

Kapitel drei: Überlebenskampf 

Als Reinhard Karger 1975 wieder in Erfurt war, wurde er schon sehnsüchtig erwartet. Einen wie ihn brauchten sie, die Amateure der BSG Optima. Bei der jährlichen DDR-Bestenermittlung wurde „Ferdl“ mehrfach zum besten Stürmer gewählt oder als erfolgreichster Skorer (was damals Sieger der Kanadischen Wertung hieß) gekrönt. Doch das Eishockeyspielen bei Optima, später bei HO Erfurt, war ein Überlebenskampf. Jeder Schlägerkauf war ein Kraftakt, regelmäßigen Spielbetrieb gab es (bis auf das dreitägige Bestenturnier) nicht, und jede Eiszeit musste buchstäblich erkämpft werden. An Nachwuchsmannschaften war nicht zu denken. Ferdl war jetzt Trainer - statt Hockeyspieler trainierte er allerdings Eisschnelläufer. Auch das tat er gern. Dabei war klar: Bei keinem anderen Übungsleiter hieß der Ausgleichssport so oft Eishockey wie bei Karger. So brachte er sogar den einen oder anderen Jugendlichen in die Eishockeysektion (freilich nur, wenn er keine eisschnelläuferische Perspektive hatte). Für die Ende der achtziger Jahre stark überalterte Mannschaft war das freilich ein Tropfen auf dem heißen Stein. Richtige Nachwuchsmannschaften mussten her, und da kamen Wende und Mauerfall gerade noch im rechten Moment.

 Kapitel vier: Euphorie, die zweite 

Karger rief sofort „Ja!“ bei der Frage, ob Erfurt (als einziger Thüringer Verein) am Spielbetrieb in Hessen teilnimmt, und „Ich!“ bei der Frage, wer die neue Knabenmannschaft trainiert. Beides wurde ein Riesenerfolg: Der ESC, zu dem die Erfurter Eishockeyspieler nun gehören, läuft in der Publikumsresonanz dem FC Rot-Weiß schon teilweise den Rang ab, in Fall der Begeisterung auf den Rängen hat er es schon geschafft. Und Kargers Mannschaft hatte Riesenzulauf und ist heute einer der besten in Deutschland in dieser Altersklasse. Inzwischen gibt es drei weitere Nachwuchsteams, dazu eine Frauen- und zwei Männermannschaften. Eine dritte könnte es bald geben - die Alten Herren. Denn dass die Turbine-Traditionsmannschaft, über die bisher nur geredet wurde, mit dem Einstieg Ferdls nicht mehr zu bremsen sein wird, kann als sicher angesehen werden. So ist Kargers Wunsch, sein letztes Punktspiel am Samstag in einer Sturmreihe mit dem tschechischen Stürmer Roman Kroutil und Sohn Mirko zu bestreiten, Trainer Werner Belitz zwar Befehl, aber nicht als letzter Wille. Das klinge so nach abdanken. Und das soll der puckverrückte Karger noch lange nicht.

*) Zitiert aus: Direktive des Staatlichen Komitees für Körperkultur und Sport zur Entwicklung der sozialistischen Körperkultur bis zum Jahre 1965 vom 1. Februar 1960.

Fotos von oben nach unten: Reinhard Karger 1989 in einem Freundschaftsspiel gegen Aufbau Halle (dahinter Koßmann) • Reinhards Vater Ferdinand Karger in den 50er Jahren im Oberhofer Dress • Reinhard Karger bei der WM 1970 im Spiel gegen Finnland (links Valtonen, rechts Riihiranta) •  Reinhard Karger und Lothar Fuchs auf der Bank der Mannschaft der BSG HO (bei einem Spiel in Vrchlabi/CSSR um 1985) • Beim Oldie-Turnier 2003 verwandelt Reinhard Karger einen Penalty gegen Dresden • Nach oben


Nachtrag von 2005

Zehn Jahre später könnte man "Kapitel fünf: Unverwüstlich" nennen, denn Karger ist nicht nur bei den Alten Herren der "Turbine-Haudegen" am Puck geblieben, sondern auch wieder richtig in den Spielbetrieb eingestiegen. Mit 60 Jahren wurde er mit den "Ice Rebels Waltershausen" Meister der Thüringenliga sowie Landespokalsieger und trug mit vielen Toren zu diesen Erfolgen bei.

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