Die Draufgängerin
Von Matthias Opatz
Ein Beitrag aus dem Jahr 2009, erschienen in der Thüringer Allgemeinen (20. Juni 2009)
Mit dem Fallschirm abspringen? Die Antwort von Diana Hannes (18) folgt ohne Nachdenken: „Jederzeit wieder! Wenn das nur nicht so teuer wäre!“
Dabei betreibt Diana Hannes einen Sport, in welchen so mancher vor allem die in sich gekehrten Einzelgänger oder zuweilen etwas wunderlichen Intellektuellen steckt. „Ist eigentlich Quatsch“, sagt Hannes, „unter Schachspielern gibt es genauso viele verschiedene Charaktere wie im normalen Leben auch.“ Logisch denken sollte man aber können. Hannes kann es. Sie jongliert nicht nur so leidenschaftlich wie gekonnt mit Zahlen und Funktionen, holt Preise bei Mathe-Olympiaden auf Stadt- und Landesebene, sondern wurde gerade Deutsche Meisterin der Junioren (U18) im Schach, nachdem sie im Jahr davor schon Silber geholt hatte.
Sie ist damit das größte Erfurter Schachtalent seit etlichen Jahren. Vielleicht seit Martin Krämer (21), einer der jüngsten Spieler in der 1. Bundesliga, der stärksten Liga der Welt. Und, wenn das nicht Schicksal ist: Die beiden eint nicht nur ihr Verein, der SV Medizin (nur in der Bundesliga ist Krämer Gaststarter für Berlin) – sie sind auch privat ein Paar.
Auf diese Weise hat auch Krämer Anteil an Hannes’ Erfolgen. Wenn sich zwei Schachverrückte finden, ist das fast immer produktiv. „Er ist mein größter Kritiker“, sagt Diana, „selbst in gewonnenen Partien findet er noch Ecken und Kanten. Das ist zwar manchmal ganz schön hart, aber da muss ich durch. Denn es bringt mich vor allem weiter.“
Und weiter will das Goldköpfchen (im doppelten Sinne – nach einer Schwarzphase trägt sie jetzt wieder ihr natürliches strahlendes Blond) unbedingt. Schon im nächsten Monat startet sie bei der Mannschafts-EM U18 im tschechischen Pardubitz, die U-18-Weltmeisterschaften folgen im November in Antalya (Türkei). Und ab Herbst spielt sie auch in der 1. Frauen-Bundesliga, in die sie mit der Medizin-Mannschaft aufgestiegen ist. „Und ich möchte alsbald das Prädikat Internationaler Meister schaffen. Das geht nur über entsprechende Turnierergebnisse. Da ich jedoch noch Abitur mache, kann ich nicht so viele Turniere bestreiten, aber in ein zwei Jahren will ich das geschafft haben.“
Das Abitur macht sie mit einem Jahr Verspätung. Das aber nicht, weil sie sitzengeblieben ist, sondern weil sie mitten im Schuljahr die Schule gewechselt und dafür die Wiederholung der Elften in Kauf genommen hat. Statt Physik am Schweitzergymnasium wollte sie lieber Informatik belegen, das ging am Luisengymnasium. Die verlorene Zeit war gewonnene. Sie hat sie nicht nur für Schach genutzt, sondern auch für ein zweimonatiges Praktikum in Großbritannien, um ihr Englisch zu polieren.
Auf dem Schachbrett hat es ihr aber eher Italien angetan. Hannes: „Mit Weiß spiele ich gern eine italienische Eröffnung. Und mit Schwarz eine Spielart der sizilianischen Verteidigung, die man beschleunigter Drache nennt.“
Der „Drache“ wiederum ist eine der aggressivsten Eröffnungsvarianten überhaupt. Nach Rochaden entsteht meist rasch ein beiderseits offensives Angriffsspiel auf die Königsstellungen.
Das passt zu Diana Hannes. Erster Trainer der 10-Jährigen, damals noch beim Erfurter SK, war mit Thomas Pähtz eine Erfurter Schachinstitution (zweimal DDR-Meister, einmal Deutscher Meister). „Ich erinnere mich noch genau“, erzählt Pähtz, „schon nach kurzer Zeit habe ich gemerkt: Die Kleine hat Killerinstinkt und wird es damit weit bringen. Schon nach wenigen Trainingsstunden habe ich ihr prophezeit, dass sie es einst zum Deutschen Meistertitel bringen wird. Die Prophezeiung ist ja jetzt in Erfüllung gegangen. Und obwohl ich sie selbst nicht mehr trainiere, freue ich mich natürlich riesig über ihren Erfolg.“
„Jaja, Killerinstinkt, das ist so ein Lieblingswort von Herrn Pähtz“, sagt die so Beschriebe und lacht, „aber es stimmt schon, ich spiele gern aggressiv.“ Im Sinne Bobby Fischers, dessen berüchtigter Spruch im Medizin-Vereinsheim hängt, dass es darauf ankomme, das Ego und die Selbstachtung des Gegners zu brechen und zu zertreten? „Nein, so nicht“, sagt Hannes, „aggressiv im Spiel, ja, aber immer mit Respekt vor dem Kontrahenten.“
Ersten Kontakt zu Schach hatte sie etwa mit sechs, als ihr der Vater (selbst Spieler und Schachfreund) die Regeln beibrachte. Und dann hatte sie das Glück, dass in ihrer Grundschule in Berlstädt, wo sie damals wohnte, Schach Unterrichtsfach war. „Und zwar im zweiten Schuljahr“, erzählt Hannes, „und in der dritten und vierten Klasse war ich dann in der AG Schach. Theorie wurde da nicht groß gelehrt, sondern vor allem gespielt. Aber immerhin, man bekam ein Verhältnis zu dem Spiel. Schach zeigt Kindern einen anderen Weg zu denken. Schade, dass es das so selten gibt.“
So vorbereitet, war es fast schon folgerichtig, dass sich Mama Hannes mit Diana und ihrer Schwester zum ESK aufmachte, nachdem jener in dieser Zeitung auf Nachwuchssuche gegangen war. Schon anderthalb Jahre nach ihrem Einstieg war sie Thüringer Spitze ihrer Altersklasse, gewann die Landesmeisterschaft U12 gegen Spielerinnen, die zumeist bereits viel länger dabei waren.
„Diana ist einfach ein Riesentalent gewesen“, erinnert sich Thomas Pähtz im Rückblick, „ihr Denkvermögen ist gepaart mit ihrer Angriffslust - die ideale Kombination im Schach. Dass sie ein Draufgänger ist, hat sie ja auch gezeigt, als sie dann mit ihrer Schwester einen Fallschirmsprung gemacht hat.“
“Stimmt. da war ich 11 Jahre alt und das war sooo geil!“, bestätigt Diana Hannes.
Dass sie auch sonst dem Stereotyp des schachspielenden Stubenhockers wenig entspricht, zeigt die Liste einiger ihrer bevorzugten Freizeitbeschäftigungen: „Schach“, sagt sie, „ist ein tolles Hobby, aber kann nicht einziger Lebensinhalt sein.“ Und zählt weitere auf: Computer, Kino. Lesen (vor allem Heiteres und Storys mit psychologischer Komponente). „Und ich brauche jederzeit Bewegung. Ich gehe regelmäßig ins Fitness-Studio sowie zum Schwimmen, spiele zudem gern Tennis und Volleyball.“
Das ist vielleicht ein weiterer Mosaikstein ihres Erfolgsgeheimnisses. „Wenn man an einem Tag zwei vier- bis fünfstündige Partien spielt, ist man hinterher wirklich vollkommen ausgepowert und müde, denn intensives Denken zehrt natürlich genauso an der Substanz wie physischer Ausdauersport. Da kann es schon sein, dass ein Gegner, der nicht so fit ist, daran schwerer zu tragen hat.“
Bei all den Interessen fällt es manches Mal schwer, die notwendige Zeit für Schach freizuschlagen. „Eine Stunde Theorie am Tag ist aber Pflicht, dazu kommt meist noch eine Stunde spielerische Beschäftigung“, sagt sie. Bei Turnieren und in Trainingslagern gehöre hingegen fast der ganze Tag den 64 Brettern.
In ihrer Entwicklung hat sie außer Thomas Pähtz vor allem Norbert Reichel (Medizin) viel zu verdanken. Im Moment ist Janis Wehner ihr Trainer – und ein bisschen natürlich auch unvermeidlich Martin Krämer.
Schmunzeln muss Diana Hannes beim Verfolgen des von TA initiierten Politiker-Schachs. „Das ist schon eine verrückte Partie mit ein paar unvermuteten Wendungen“, meint sie. Aber da es eine Abstimmungspartie von Lesern sei, gehe das so in Ordnung. Gestern hat sie sich nochmal in den aktuellen Stand vertieft: Materiell gesehen hat Weiß ein leichtes Übergewicht. So harmonieren die weißen Figuren; Dame und Springer bilden ideale Gegenspieler auf den weißen Feldern zum schwarzfeldrigen Läufer auf e3. Verbundene Türme und eine sichere Königsstellung geben Weiß eine sichere Grundlage. Allerdings scheint die weiße Dame ein wenig auf Abwege geraten zu sein, unter der Fesselung des Springers auf c6. Aber am Zug ist ja Schwarz. Springer e5 scheint mir noch die vernünftigste Fortsetzung, um eine dynamische Gegenwehr zu gestalten.“ Dass dieser den CDU-Politiker Christian Köckert verkörpert, ist ihr egal.
Dynamische Gegenwehr. Da kommt wieder die Draufgängerin durch. Die vielleicht auch ein Klasse-Judoka oder eine versierte Volleyballerin, geworden wäre. Oder Fallschirmspringerin. Apropos: Gewiss gewährt Diana Hannes allen schachspielenden Springern jenes Fallschirmklubs eine Simultan-Partie, der sie nochmal mitspringen lässt. Frei nach dem Motto: Absprung folgt Rösselsprung.
Anmerkung zum Verständnis: Bei dem erwähnten Politiker-Schach handelt es sich um eine Schachpartie während des Landtagswahlkampfs, bei der Weiß und Schwarz die Thüringer Regierung und die Opposition darstellten, und jeder Figur war ein Politiker zugeordnet. Es zogen abwechselnd bekannte Thüringer Schachspieler und das Leserkollektiv. Die Partie war zu dem Zeitpunkt, als der obige Beitrag erschien, in vollem Gange.