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Matthias Opatz, Journalist und Pressebüro

Story: Kein Fluchtweg

Das Licht am Ende des Tunnels
Warum Crossläufer mitten im Winter in kurzen Hosen, aber mit Helm antreten

Von Matthias Opatz (Text und Fotos)
Ein Beitrag aus dem Jahr 1998, veröffentlicht in der Jungen Welt (17 Dez 1998)

Fluchtweg. So steht es weiß auf grünem Pfeil an den Wänden. Die Wände sind rauh, kristallin und schmecken nach Salz. Daraus sind sie auch. Das betrifft auch die Decke. Die ist nicht weniger als 700 Meter mächtig. Sport im Kalibergwerk.

Die Sportler: 111 Läufer aus ganz Deutschland, den Niederlanden und der Ukraine. Obwohl es Mitte Dezember ist und hoch droben die Fluren des Kyffhäuserkreises verschneit sind, haben alle kurze Hosen und Hemden an. Und einen Helm auf. Vorschrift ist Vorschrift.

Die Strecke soll zehn Kilometer betragen. Die Luft ist trocken und staubig. Minuten vor dem Start gibt Cheforganisator Olaf Kleinsteuber (LTV Erfurt) letzte Hinweise. Und dankt für das Vertrauen, zu diesem Lauf gemeldet zu haben. Ein Witz. Unfreiwillig wurde es für viele ernster als geglaubt. Der Sondershäuser Kristall-Lauf, nach Veranstalterangaben der erste Untertagelauf der Welt, sollte noch mehr Überraschungen parat haben als seine Austragung einen dreiviertel Kilometer unter Tage.

Durscht!Die hier unten herrschende Wärme (25 Grad statt Null am Schachteingang), die Trockenheit (30 Prozent Luftfeuchte statt 90 oben) waren zwar im Vorfeld bekannt, und doch nahm dies in der Praxis vielen den Atem. Normalerweise gibt es auf zehn Kilometern keine Unterwegs-Verpflegung. Die Ausrichter hatten dennoch nach fünf einen Getränkestand aufgebaut. An dem fast jeder Halt machte. Trockener (salziger) Mund - und der Schweiß floß in Strömen. Als Sieger Klaus Goldammer (Berlin) im Ziel seinen Helm abnahm, plätscherte es hörbar auf den Boden.

Für Schweiß sorgte nicht nur das Klima. Denn der Cross war ein Berglauf im Bergwerk. Die Millionen Jahre alten, inzwischen ausgehöhlten Salzadern scheinen es mit Friedensreich Hundertwasser zu halten: Die gerade Linie ist gottlos. Sie schlängelten sich munter nach links und rechts, oben und unten. 150 Meter Höhendifferenz auf einem 5-km-Kurs, darunter ein 60-m-Anstieg auf 400 Metern.

Vielen Läufern schien es noch steiler. Man sieht bis zur nächsten Kurve nicht, was kommt, und, so Goldammer, „man verliert jegliches Gefühl für Distanz und Zeit.“ Der Erfurter Triathlet Dirk Gießmann, der schon “Ironman Hawaii” bestritten hat, sprach von einem der härtesten Wettkämpfe seiner Laufbahn. Und sein Klubkollege Dirk Sorge, der schon zweimal den Sahara-Etappenlauf bestritten hat, meinte: „In der Wüste läuft sich’s angenehmer.“

Zum Glück war wenigstens die Strecke gut markiert und ausgeleuchtet. Man sah immer Licht am Ende des Tunnels. Ein Verlaufen hätte bös ausgehen können. Zwar gibt es die Fluchtweg-Schilder in allen Gängen, doch die sind in Summe 200 Kilometer lang.

Die zehn gelaufenen waren den meisten genug. Einigen sogar fünf, denn selbst gestandene Marathonläufer warfen bei Halbzeit das Handtuch. Doch selbst die waren mit etwas Abstand begeistert, sprachen von einem unvergleichlichen Erlebnis und wollten besser vorbereitet wiederkommen. Was nicht leicht werden dürfte. Den 111 Startnummern für diesen Lauf standen mehr als 400 Anmeldungen gegenüber. Und das, obwohl die Weltpremiere nur vier Wochen lang regional ausgeschrieben war. „Weiß der Teufel, wie die Sachsen, Bayern oder Holländer von den Lauf Wind bekommen haben“, wundert sich Kleinsteuber.

Vom Platz in der Grube her, wo Lastwagen fahren und einander begegnen können, ist eine größere Teilnehmerzahl kein Problem. Das Nadelöhr heißt Förderkorb. Auch wenn Kleinsteuber für die nächste Auflage (11. Dezember 99) auf 200 Starter aufstocken will: Auf dem Schwarzmarkt dürften Startkarten für den Bergwerkslauf künftig teurer werden als Endspieltickets für Wimbledon.

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