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Matthias Opatz, Journalist und Pressebüro

Story: Quäl dich, du Sau!

Ob Quallen, Wellen, Riffe, Dreck: Ins Ziel!

Christian Hansmann (Erfurt) und die Leiden des Langstreckenschwimmens

Von Matthias Opatz
Ein Beitrag aus dem Jahr 2004, erschienen in der Zeitung Neues Deutschland (13 Mai 2004)

Szene vom Frreiwasserschwimen“Quäl dich, du Sau!”, hat Radprofi Udo Bölts vor Jahren seinem Mannschaftskollegen Jan Ullrich zugerufen, als die “Tort(o)ur de France” (es ging gerade die Berge im Vogesen hinauf) schon unerträglich schien. Dank eines zufällig in der Nähe stehenden Mikrofons ist der Spruch öffentlich geworden - und Kult. Jener Zufall bescherte auch weniger Sportinteressierten eine Ahnung vom Umgang im Ausdauersport. Denn was sich Leistungssportler, die beim Marathon über Grenzen gehen wollen, bei Training und Wettkampf nicht nur an Qualen, sondern auch an Worten zumuten, ist regelmäßig nicht druckreif.

Aber produktiv! Davon jedenfalls ist Christian Hansmann überzeugt. Der 27jährige Erfurter ist Langstreckenschwimmer. Er krault, was so mancher nicht zu laufen imstande ist: 10 und 25 Kilometer sind WM-Rennen, im Weltcup geht’s auch schon mal über 32, 40 oder 80 Kilometer (letzteres, dies sei eingeräumt, flussab). “Schwimmen bis der Arzt kommt”, sagt Hansmann manchmal. Ein Witz sein, von dem er weiß, wie schnell er wahr werden kann. Vorigen Sommer hatte er nach mehr als acht Stunden Kraulen und Frieren im zwischen 17 und 19 Grad “warmen” Lake St. John (Kanada) noch 32 Grad Körpertemperatur. Hansmann: “Da hast Du im Ziel nur noch einen Wunsch: Wärme! Heiße Suppe, Tee, heiß duschen, dicke Pullover …”

Dann tut alles weh. Die Schultern sind tot, die Haut aufgescheuert von der Reibung mit dem Schwimmanzug. Und da Langstreckenschwimmen immer in offenen Gewässern stattfindet, lauern unterwegs noch allerlei mehr Unwägbarkeiten. Quallen, deren manche brennende Nesseln auf die Haut bringen. Trübe Dreckbrühe in einem alten Hafenbecken. Riffe dicht unter den Schwimmern, quasi zum Schürfen nah. Wellen, die Begleitboote kentern lassen, Kraft kosten und die Sicht auf die Bojen versperren, so dass es nicht reicht, aller 40, 50 Züge die Richtung zu peilen - man schaut immer und immer wieder, bekommt schon Nackenschmerzen und sieht doch den Kurs nicht.

Um Jahre gelatet: Christian Hansmann nach einem 25-km-RennenNach zehn Jahren Freiwasserschwimmen blickt Hansmann auf Meistertitel und Medaillen bei Deutschen Meisterschaften - international kämpft er um den Anschluss an die Spitze. Im Vorjahr kam der Thüringer erstmals bei einer WM unter die besten zehn. Klar will er noch weiter nach vorn. Sein oberstes Motto aber ist: “Wer sich selbst besiegt, erlebt keine Niederlage.” Und ist ein wenig stolz darauf, noch nie, noch kein einziges Mal, ein Rennen aufgegeben zu haben. Das können nur ganz wenige seiner Kollegen von sich behaupten. Wie kalt auch das Wasser war, wie hoch auch Wellen, wie brennend die Quallen - Aufgeben wäre für Hansmann das Letzte.

Dafür muss man sich eben saumäßig quälen. Beim Langstreckenschwimmen, draußen auf dem Meer oder auf einem großen See, stehen keine Mikrofone. Keiner kann hören, wenn etwa Vizeweltmeisterin Angela Maurer in die Weite über Kanadas Seen brüllt: “Scheiße, ich hab keinen Bock mehr!”. Da hilft für Bruder Andreas (selbst Marathonschwimmer) im Begleitboot nur, noch energischer zurückzubrüllen. Christian Hansmann kennt diese Tiraden von seinen Bootsbegleitern, die ihm nicht nur regelmäßig Tee und Bananen reichen (mit hineingedrückten Aspirintabletten, gegen den Schmerz), sondern auch alles andere als zimperlich weiterpeitschen. Hansmann hat erst vor Tagen diesen Ton selbst angeschlagen, als er mit der acht Jahre jüngeren Alana Scheper aus dem thüringischen Wandersleben zur EM-Vorbereitung im Training “einen 17er” schwamm (sprich: 17 Kilometer). “Mir tat alles weh, ich hab ihn so gehasst”, sagt Scheper, “aber das war nur in dem Moment. Ohne ihn hätte ich das Pensum nicht geschafft, und ohne das Pensum brauche ich nicht zur EM antreten.” Am Wochenende schwimmt die 19jährige in Spanien ihre erste Europameisterschaft, wie Hansmann die 25 Kilometer, die 8000 Kalorien kosten. So viel, wie eine Bergetappe bei der Tour de France.

Doch auch diese 25 EM-Kilometer bieten etwas nie Dagewesenes. Anfang der Woche wurden in dem von Gebirgsbächen gespeisten Stausee im Bergland westlich Madrid zwischen 12 und 13 Grad gemessen. Bei solchen Temperaturen werden Meisterschaften normalerweise abgesagt. Der europäische Fachverband hat nun im Vorfeld die Zulassung von Wärmeschutzanzügen aus Neopren angekündigt. “Für Triathleten üblich, aber bei Langstreckenschwimmen gab’s das bisher noch nie”, sagt Hansmann, “klar, man kühlt nicht so schnell aus. Aber spätestens bei 10 Kilometern fängt es an zu scheuern.” Doch Hansmann schreckt auch das nicht. Je mehr Konkurrenten die Waffen strecken, um so größer sind seine Chancen. Er will Platz sechs von der letzten EM verbessern oder unterbieten. Und auf jeden Fall will er ins Ziel, was auch passiert. Am Ende wird Hansmann halbtot sein, scheinbar um Jahre gealtert aber glücklich. Und nur er weiß, wie oft bei jenen 12′000 Kraulzügen rechts und 12′000 Kraulzügen links sein Inneres gehämmert hat: Weiter, weiter, weiter. Und: Quäl dich, du Sau!

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